Eine Bohrmaschine macht einen Handwerker produktiver. Aber sie macht aus einem Menschen keinen Handwerker. Kann KI beim kreativen Schreiben helfen – OHNE dass durchschnittlicher Einheitsbrei herauskommt?
JA! Unter drei Bedingungen.
1. Du verfolgst das Ziel
2. Du teilst der KI deine Gedanken ausführlich mit.
3. Du kannst das Ergebnis beurteilen und korrigieren.
Der Werdegang
IDEE. Formuliere das ungefähre Ziel, lass dir Vorschläge machen, sortiere aus. Erkläre der KI genau, was dir an den Vorschlägen nicht oder gut gefällt. Wiederhole das mehrfach und bleib kritisch. Irgendwann kommt ein Vorschlag, der passt. KI erkennt durch die Iteration das Muster deines Denkens und holt dir deine eigene Idee aus dem Nebel.
GESTALTUNG. Auch hier: Iteration, Frage und Nachfrage. Wo spielt deine Geschichte? Die KI schlägt dir Berlin oder Frankfurt vor. Frag nach: Warum dort? Warum nicht Hamburg? Du bewertest die Argumente. Zugleich schaust du dir im Netz Fotos an. kriegst das Gefühl: du bist „drin“.
FIGUREN. Beschreibe sie der KI möglichst genau: Alter, Typ, Kleidung, Rolle. Auch hier erkennt die KI die Muster – und schlägt später den passenden Wohnort vor, das passende Auto – sogar Handlung und Sprache werden konsistenter. Eine nerdige Figur bekommt nerdige Sprache – auch du nicht so sprechen kannst.
DENKEN. Das bleit immer dein Part. Passen verwendete Begriffe zum Alter deines Protagonisten? Muss die nächste Szene in der Vergangenheit verankert sein, damit sie plausibel ist? Ist die Stimmung gut gemischt – oder kommt seitenlang nur Frohsinn, dann nur noch Depression? Hier kannst du dir von der KI eine Einschätzung einholen. Aber: Nur wer Fragen stellt, bekommt Antworten. Frage und lass die KI argumentieren!
RECHERCHE. Wir wissen alle, dass die Trainingsdaten der KI-Modelle mitunter viele Monate alt sind. Zwar können die Modelle ins Netz schauen, aber das tun sie nur, wenn du sie bittest. Deshalb: Recherchiere über dein Thema, zeige der KI die Ergebnisse und frage, wie du die Recherche für deine Geschichte nutzen kannst. Sei nicht zufrieden mit einer Bestätigung, frage kritisch nach: Vielleicht war der Fund belanglos – vielleicht ein narrativer Schatz.
SCHREIBEN. Offenbar das heißeste Eisen in dieser Diskussion. Warum eigentlich?
In meinen vielen Jahren als leitender Redakteur habe ich so um die 10.000 Artikel von Kolleginnen und Kollegen redigiert – oft kaum verändert, aber zum Teil komplett umgeschrieben. Sie saßen dabei meistens neben mir, ich konnte Rückfragen zur Absicht stellen konnte – und meine Gründe für die Änderung erklären. KI-Texte behandle ich ähnlich: Sie sind für mich Vorschläge, mal gut, mal nicht. Oft guter Durchschnitt, der an einer durchschnittlich wichtigen Stelle so stehenbleiben kann. Aber manchmal auch überraschend. Ja, manchmal findet man im Text einer KI ein „Osterei“. Das ist genauso wenig magisch wie der „Osterhase“. Die textliche Überraschung ist Manifestierung eines Gedankens, den ich selbst hatte und den die KI formuliert.
FAZIT: Sage deiner KI, was du willst, frage sie nach den Möglichkeiten, die es gibt – sie wird dir ab und zu Absurditäten liefern, dich oft aber auch wunderbar überraschen. Was absurd ist und was wunderbar, ist deine Entscheidung. Oft bringt dich das auch auf Ideen abseits der KI-Antwort, die dir allein aber nicht eingefallen wären.
HINWEIS: Dies klappt – theoretisch – am besten in einem einzigen Chat, hier hält die KI die Konsistenz aller Informationen. In der Praxis stößt du bald an Grenzen: das Kontextfenster. Sachverhalte, die einmal irgendwo in der Mitte des Chats besprochen wurde, verschwinden im Rauschen. Aber dafür gibt es Mittel – in einer „Story-Bibel“ lassen sich fixe Merkmale notieren und der KI für den ständigen Zugriff bereitlegen.
