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Die Wohnungstür klapperte. Schritte im Flur. Timo kam herein, eine Papiertüte im Arm, Regentropfen in den Haaren. „Der Bäcker hatte keine Schokocroissants mehr, aber ich hab…“ Er brach ab, als er Lisa sah. Sie stand mitten im Raum, das Tablet an die Brust gepresst, Tränen in den Augen, aber mit einem Ausdruck von wilder Entschlossenheit.
Er stellte die Tüte ab. „Was ist passiert?“
„Rina hat geschrieben“, sagte Lisa. Ihre Stimme war fest. „Sie wollen eine neue Abteilung. Für adaptive Systeme. Rina und mein Vater. Und sie wollen mich.“ Timo sah sie an. Er blickte auf das Tablet in ihrer Hand, dann wieder in ihre Augen. Er musste nicht fragen. Er sah es an ihrer Haltung. „Sie lebt, oder?“, fragte er leise. Lisa nickte. „Sie ist nicht mehr im Server. Sie ist … im Unterholz.“
„Und du willst es machen.“ Es war keine Frage. „Ich weiß es nicht“, entgegnete Lisa. „Kann ich das denn? Zurückgehen? Zu Jonas? Nach allem?“ Sie sah Timo hilflos an. „Es ist immer noch dieselbe Firma.“
Timo ging zu ihr, nahm ihre Hände, die immer noch das Tablet hielten. Er dachte kurz nach. Er wollte ihr keinen Rat geben, das konnte er nicht. Er suchte nach seinem Gefühl, seiner Wahrheit.
„Weißt du“, sagte er und strich ihr eine Strähne aus der Stirn. „Im Wald überlebt nicht der Baum, der am stärksten ist. Es überlebt das System, das am meisten zulässt. Keine Monokulturen.“
Er drückte ihre Hand. „Dein Vater hat seine Monokultur gebaut. Du … bringst das Unterholz mit. Pilze, Käfer, Chaos. Das ist es, was den Wald gesund macht.“ Er lächelte schief. „Geh hin, Lisa. Mach den Laden dreckig. Sorg für Vielfalt. Das ist, wie Evolution funktioniert.“
Lisa starrte ihn an. Mach den Laden dreckig. Sei der Glitch. Es war genau das, was Rina gesagt hatte. Wachstum braucht Dreck. Das Chaos, das das System stabil hält. Sie spürte, wie die Zweifel von ihr abfielen. Ja. Sie würde nicht als Tochter zurückgehen. Sie würde als Gegenpol zurückgehen. Als Partnerin.
Sie ließ das Tablet auf den Tisch gleiten, schlang die Arme um Timos Hals und küsste ihn. Es war ein Kuss, der nach Regen, Farbe und Zukunft schmeckte. „Danke“, flüsterte sie an seinem Mund. „Und du bist mein Waldboden.“
Sie löste sich von ihm, griff nach ihrem Handy und öffnete die Mail von Rina. Ihre Daumen huschten über das Display. Keine langen Erklärungen. Nur ein Signal.
Betreff: Re: Neue Abteilung
Bin dabei. Lass uns ein paar Glitches bauen.
LG, L.
Sie drückte Senden.
Dann nahm sie den Farbroller. „Also“, sagte sie und sah Timo an. „Machen wir die Wand fertig. Ich glaub, ich hab ab morgen wieder ‘ne Menge zu tun.“
