45. Algorithmen der Natur

Timo bückte sich und hob einen kleinen Käfer auf, der über den Weg krabbelte. Er ließ ihn über seine Hand laufen. „Weißt du“, sagte er, „Biologen streiten noch darüber, aber viele glauben, dass Insekten keinen Schmerz empfinden. Jedenfalls wohl nicht so wie wir.“

„Warum nicht?“

„Weil das wahrscheinlich wirklich keinen Sinn ergäbe. Wenn ein Vogel diesen Käfer frisst, ist er sofort tot. Schmerz würde ihm nicht helfen, zu lernen oder zu überleben.“ Er setzte den Käfer behutsam zurück ins Gras. „Aber nimm einen Hund. Oder uns. Wenn wir gebissen werden, überleben wir. Jedenfalls meistens. Der Schmerz brennt sich ins Gedächtnis ein. Er sagt: Tu das nie wieder. Bei uns ergibt das Sinn. Die Funktion ist Lernen. Vermeidung von Schaden.“

Lisa blieb stehen, dachte nach.

„Also…“, begann sie langsam, „wenn Noa Schmerzen hatte…“ Timo unterbrach sie. „Okay. Du glaubst, dass sie Schmerzen hatte, weil es so aussah. Dein Vater sagt, das ist Unsinn, es sah wahrscheinlich eben nur so aus. Aber worum geht es? Offenbar ist: Sie hat sie eine Information mit maximaler Dringlichkeit verarbeitet.“

Lisa sah ihn verständnislos an. „Information?“ Timo suchte nach Worten. „Na ja, Schmerz ist schlimm, sicher. Aber Schmerz ist doch nichts Mystisches. Es ist ein Signal mit höchster Priorität sozusagen: Ändere deinen Zustand, sonst geht was kaputt. Wenn das über deine Nerven läuft, hast du das Gefühl, es tut weh. Natürlich ist das schlimm! Aber: Wenn es nicht wehtut, ist das Problem deshalb nicht weniger dringend. Die Information ist: Hallo, hier läuft was schief. Schmerz ist aber nicht das Problem, sondern der Alarm für das Problem.“

„Du meinst, sie könnte…“ Lisa suchte nach Worten, „sie könnte auch so etwas wie ein Käfer sein, der nicht fühlen muss?”

„Nein.” Timo lächelte, es tat gut. „Kein Käfer. Kein Vogel. Kein Mensch. Ein anderes System. Eben – eine KI. Muss eine KI fühlen? Vermutlich nicht, keine Ahnung. Aber was heißt das?”

„Du meinst, man kann das nicht sagen, weil eine KI nicht natürlich ist.“

Timo runzelte die Stirn. „Natürlich? Darum geht es gar nicht! Die Frage ist: Gehört sie zum System? Er deutete auf einen Baumstumpf, der von Pilzen überwuchert war. „Pilze sind natürlich, okay. Leben sie? Ja. Und Viren? Keine Tiere. Keine Pflanzen. Wahrscheinlich nicht mal Leben. Aber ohne Viren – keine Evolution. Sie bringen neuen genetischen Code ein, die Hacker der Natur. Pilze, Viren, Menschen, Maschinen – alles folgt denselben Regeln. Energie, Ordnung, Struktur.“

Lisa sah ihn an. Timo, der Pixel-Mensch, der Gute-Laune-Typ. Der anscheinend nur beobachtete, nicht in die Tiefe dachte – er tat es doch. Er verstand die Architektur des Lebens besser als Jonas die Architektur seiner Server. Und er akzeptierte sie einfach.

Sie sah ihm ins Gesicht. Sah diese Leichtigkeit – eine Leichtigkeit ohne Phlegmatismus, eine Leichtigkeit, die sich aus der Akzeptanz der Dinge ergab. „Weißt du“, sagte Timo leise, „dein Vater hat Angst. Weil sich Noa entwickelt. Aber vielleicht ist das genau der Punkt. Evolution ist nie kontrollierbar. Sonst wär’s keine Evolution.“

Der Wind war immer noch kalt, aber er störte sie nicht mehr. Sie versuchte es zu begreifen: Gefühl war weder Stärke noch Schwäche. Es war – was? Datenkompression? Der schnellste Weg, Gefahr oder Sicherheit zu signalisieren? Es fühlte sich fremd an, so über sich selbst zu denken. Aber auch – befreiend.

„Du bist ziemlich schlau“, murmelte sie in seine Jacke. Timo lachte leise. Das Geräusch vibrierte in seiner Brust. „Ach was. Ich guck nur gerne zu. Die Natur hat alle Probleme schon mal gelöst. Man muss nur nicht so arrogant sein zu glauben, man hätte es selbst erfunden.“

Sie lehnte ihren Kopf an Timos Schulter. Es fühlte sich gut an. Sie fühlte sich angenommen im Hier und Jetzt. Er nahm ihre Hände. Seine waren warm, rau, lebendig. Sein linker Daumen trug ein breites Pflaster. Sie hatte es vorhin schon gesehen, jetzt strich sie vorsichtig mit dem Finger darüber. „Was hast du da gemacht?“

„Gepennt. Teppichmesser war zu schnell. Bin gerade am Renovieren.“

„Du ziehst um?“

„Ja. Bockenheim. Dritter Stock, Altbau, etwas runtergerockt. Küche kommt noch, aber WLAN läuft.“ Lisa lachte leise. „Prioritäten.“

„Du kannst gern vorbeikommen. Wenn du willst.“

„Ja“, sagte sie. „Will ich.“